Political debate

Protestaktion gegen einen Feldversuch mit GV-Weizen in Pully bei Lausanne.
Protestaktion gegen einen Feldversuch mit GV-Weizen in Pully bei Lausanne. (Image: Agroscope)
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Protestaktion gegen einen Feldversuch mit GV-Weizen in Pully bei Lausanne.
Protestaktion gegen einen Feldversuch mit GV-Weizen in Pully bei Lausanne. (Image: Agroscope)

Die Gentechnik wird seit gut 30 Jahren kontrovers debattiert. Während es zunächst medizinischen Anwendungen waren, die den Widerstand mobilisierte, steht heute nur noch die Grüne Gentechnik im Fokus. Auch weit verbreitete Einstellungen können sich im Lauf der Zeit verändern.

Verschiebungen im Negativ-Image

Zum politischen Streitpunkt wurde die Gentechnik ab den frühen 1980er-Jahren. Doch es war zunächst nur die medizinische Anwendungen, die das Misstrauen der Öffentlichkeit auf sich zog: Nach den Erfolgen der Fortpflanzungsmedizin kamen Befürchtungen auf, dank gentechnischer Eingriffe könnten «Designerbabys», massgeschneidert nach dem Wunsch ihrer Eltern, erzeugt werden. Eine Volksinitiative, die von der Zeitschrift «Der Beobachter» eingereicht wurde, bewegte den Bundesrat dazu, in einem Gegenvorschlag den Schutz des Menschen vor Missbräuchen der Fortpflanzungsmedizin und der Gentechnologie rechtlich zu verankern.

In der anschliessenden Auseinandersetzung verschoben sich die Fronten: Neben der Gentechnik im biomedizinischen Bereich (der sogenannten «Roten» Gentechnik) rückten vermehrt die Gentechnik in der Landwirtschaft (die «Grüne» Gentechnik) und allfällige Implikationen für die Umwelt in den Fokus. Die im Jahr 1993 eingereichte Volksinitiative hiess folgerichtig «Zum Schutz von Leben und Umwelt vor Genmanipulationen (Genschutz-Initiative)». Nach einem heftigen Abstimmungskampf lehnten gut zwei Drittel der Stimmenden das Volksbegehren ab – nachfolgenden Analysen zufolge aus Angst, ein Verbot der Gentechnik könne die Schweiz ihren Spitzenplatz in der biomedizinischen Forschung kosten und die Abwanderung von Arbeitsplätzen zur Folge haben.

Durch die Ablehnung der Initiative sah sich der Bundesrat in seiner bisherigen Strategie bekräftigt, wissenschaftlich-technische Entwicklungen zurückhaltend zu regulieren. Indes verpflichtete ihn die im Jahr 1997 eingereichte Gen-Lex-Motion, Gesetze im Bereich der ausserhumanen Gentechnologie auf allfällige Lücken zu überprüfen. Damit geriet die Grüne Gentechnik in den Brennpunkt der Auseinandersetzungen.

Grüne Gentechnik als Aufhänger für Technikskepsis und Globalisierungskritik

Bereits früh zeigt die Gentechnik ihren Charakter als Querschnittsthema: Kritik an ihr wird oft im gleichen Atemzug Kritik geübt wie an der Kernenergie und an anderen Grosstechnologien, und in den Argumentarien ihrer Gegner wird sie seit je in Beziehung mit Zeiterscheinungen gesetzt, die als solche von ihr unabhängig sind. So greifen etwa die fortpflanzungsmedizinischen Techniken der Klonierung und der in-vitro-Befruchtung nicht auf die Gentechnik zurück, und auch landwirtschaftliche Monokulturen in Übersee oder schwierige Bedingungen für die Bauern in Entwicklungsländern sind Phänomene, die als solche nicht der Gentechnik anzulasten sind. Dennoch bewährt sich die Gentechnik bis heute als Aufhänger für ein tiefes Unbehagen angesichts eines von Technik geprägten Alltags und einer globalisierten Wirtschaft.

Kontrast zur bäuerlichen Idylle

Die Bilder, derer sich die Werbung bedient, tragen das Ihre dazu bei, das Stigma der Gentechnik zu vertiefen. Erzeugnisse der Schweizer Landwirtschaft werden mit Fotos stattlicher Bauernhöfe inmitten grüner Matten angepriesen oder mit anderen anheimelnden Motiven beworben. Diese ländliche Idylle steht im Kontrast zur landwirtschaftlichen Wirklichkeit; denn auch hierzulande greifen die Landwirte auf Dünger, Spritzmittel und Maschinen aller Art zurück, um im Wettbewerb bestehen zu können. Diese weniger attraktiven Bildmotive aber bleiben dem Publikum vorenthalten.

Umso wirkungsvoller lässt sich eine Technik negativ in Szene setzen, die mit den problematischen Erscheinungen unserer Zeit verknüpft wird. Wissenschaftliche Untersuchungen, die die Darstellung der Grünen Gentechnik in Fernsehreportagen ausgeleuchtet haben, bestätigen jedenfalls, dass selbst Filme, die der Gentechnik gegenüber eine neutrale Haltung zum Ausdruck bringen, aus dramaturgischen Gründen auf die etablierte Gegenüberstellung setzen: Auf der einen Seite werden malerische Sujets fernab einer industriellen Landwirtschaft gezeigt, während auf der anderen Seite die ästhetisch wenig reizvollen bis sogar bedrohlich wirkenden Aufnahmen von Feldern mit GV-Pflanzen stehen. Dass die Versuchsparzellen durch Zäune gegen die Umwelt abgeschirmt werden, damit die Ergebnisse der Experimente nicht durch externe Einflüsse verfälscht (oder durch Gegner zerstört) werden, verstärkt den optischen Eindruck, von den Versuchspflanzen gehe ein unkalkulierbares Risiko aus.1

Einstellung der Bevölkerung

Es erstaunt daher kaum, dass die Bevölkerung den Einsatz der Gentechnik in der Medizin deutlich positiver bewertet als Anwendungen in der Landwirtschaft. Denn Medizin und Biowissenschaften bedienen sich als Domänen der Spitzenforschung naturgemäss neuartiger Methoden . Im Unterschied dazu verträgt sich eine als besonders schonend und naturnahe verklärte Landwirtschaft schlecht mit Methoden aus dem Labor. Verschiedene, im Abstand von zehn Jahren durchgeführte, Umfragen bestätigten, dass die Grüne Gentechnik überwiegend auf Ablehnung stösst.

Allerdings lassen die Resultate auch Spielraum für weitere Interpretationen. So weisen die Forscher auf einen Zwiespalt in der Haltung gegenüber der Grünen Gentechnik hin, indem die Befragten zwar mehrheitlich keine gentechnisch hergestellten Lebensmittel konsumieren würden. Dennoch stösst ein generelles Verbot von GV-Nahrungsmitteln nur bei 25 Prozent der Befragten auf Zustimmung, während über 70 Prozent selber darüber entscheiden möchten, was sie kaufen und konsumieren.2 Diese Zahlen sind ein Indiz dafür, dass die Wahlfreiheit ein vordringliches Anliegen der Kundschaft ist.

Wandel des Meinungsbildes in Sicht?

Eine im Rahmen des NFP 59 veröffentlichte Studie kann als Zeichen gedeutet werden, dass sich das negative Meinungsbild hinsichtlich gentechnisch modifizierter Lebensmitteln in letzter Zeit verändert haben könnte. Der im Jahr 2008 durchgeführte erste wissenschaftlichen Versuch mit einem gentechnisch verändertem (GV) Lebensmittel zeigte jedenfalls, dass dieses in der Schweiz durchaus Kundschaft finden könnte. Der Studienleiter zog den Schluss, dass solche genmodifizierte Produkte in den Regalen der Grossverteiler kaum für Proteste sorgen würden, vorausgesetzt, dass Transparenz und Wahlfreiheit gewährleistet bleibe.3

Zudem verwischt sich dank neuerer gentechnischer Ansätzen wie der Cisgenetik, mit denen einer Pflanze Gene aus einem mit der Wirtspflanze kompatiblen Gewächs übertragen werden, die Trennlinie zwischen konventionell gezüchteten und gentechnisch veränderten Pflanzen zunehmend. Auch wird an Anwendungen geforscht, welche heute verwendete und aus Sicht des Umwelt- bzw. Landschaftsschutzes als problematisch geltende Methoden des Pflanzenschutzes ersetzen könnten. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die Neuerungen aus dem Labor einen Wandel im öffentlichen Meinungsbild einleiten.

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Referenzen

(1) Leonarz M (2010) Die grüne Gentechnologie im Schweizer Fernsehen. In: Bonfadelli Heinz, Meier Werner A., 2010: Grüne Gentechnologie im öffentlichen Diskurs. Interessen, Konflikte und Argumente. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft. 161-180.

(2) Bonfadelli H (2010) Die grüne Gentechnologie im Urteil der Schweizer Bevölkerung. Wissen Akzeptanz, Bewertung. In: Bonfadelli Heinz, Meier Werner A., 2010: Grüne Gentechnologie im öffentlichen Diskurs. Interessen, Konflikte und Argumente. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft. 181-232.

(3) Aerni P, Scholderer J, Ermen D (2011) How would Swiss consumers decide if they had freedom of choice? Evidence from a field study with organic, conventional and GM corn bread. Food policy 36:830-838. Link

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