«Gleicher Ertrag mit halb soviel Pestizid: Das geht!»

Carte blanche für Marcel van der Heijden, Universität Zürich und Agroscope

23.09.2021 – Eine umweltfreundlichere Schweizer Landwirtschaft wäre heute schon möglich: Viele Kulturen lassen sich bei praktisch gleichen Erträgen ohne synthetische Pestizide anbauen. Würden wir weniger Fleisch essen, würde das Umwelt und Klima zusätzlich entlasten.

Marcel van der Heijden
Image: Caroline Scherrer

Der Beitrag gibt die persönliche Meinung des Autors wieder und muss nicht mit der Haltung von SCNAT, Universität Zürich und Agroscope übereinstimmen.

Vergangenen Juni hat die Schweizer Bevölkerung über die Nutzung von Pestiziden in der Landwirtschaft abgestimmt. Etwa 40 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer möchten, dass keine synthetischen Pestizide mehr eingesetzt werden. Für 60 Prozent gingen die beiden Vorlagen zwar zu weit, aber viele fanden die Stossrichtung hin zu weniger Pestiziden gut. Wie soll es nun weitergehen?

Pestizide sind zu billig

Pestizide vereinfachen die landwirtschaftliche Produktion und helfen, Schädlinge zu bekämpfen. Fakt ist aber auch, dass Pestizide in Gewässer und ins Trinkwasser gelangen. Zudem zeigt die Forschung, dass manche Pestizide einen negativen Einfluss auf die Biodiversität und einzelne wichtige Arten wie etwa Bienen oder nützliche Bodenpilze haben. Der gegenwärtige, teils intensive Gebrauch von Pestiziden ist deshalb kontraproduktiv und nicht nachhaltig.

Ein grosses Problem ist, dass die Preise für Pflanzenschutzmittel heute zu niedrig sind. Sie beinhalten nur die Kosten und Margen der Herstellerfirmen, nicht aber die Kosten für die Umwelt. Darum sollte sich der Bund überlegen, eine Umweltsteuer auf Pestizide einzuführen. Einerseits würde dies den Anreiz reduzieren, Pestizide überhaupt erst anzuschaffen, andererseits könnte man einen Teil der zusätzlichen Einnahmen für die Kompensierung der entstehenden Umweltschäden verwenden.

Mais braucht keine Pestizide, Raps schon

Es ist aus meiner Sicht kein Problem, den Einsatz von Pestiziden um 50 Prozent zu reduzieren. Viele Kulturen lassen sich ohne nennenswerten Ertragsverlust auch ohne oder mit viel weniger davon anbauen. Zum Beispiel haben unsere Untersuchungen in einem Ackerbaubetriebsnetz gezeigt, dass konventionell angebauter Mais und biologischer Mais die gleichen Erträge ergeben. Das heisst, dass man Pestizide beim Maisanbau sofort verbieten könnte und ihren Einsatz nur in Ausnahmefällen erlauben sollte, etwa wenn schwer zu bekämpfen Krankheiten oder ein Schädlinge auftreten.

Auf der anderen Seite gibt es Kulturen wie zum Beispiel Raps oder Zuckerrüben, bei denen es mit den heutigen Sorten kaum möglich ist, ohne synthetische Pestizide gute Erträge zu erzielen. Auch biologisch produzierende Landwirte nutzen hier (nicht synthetische) Pestizide wie Schwefel, Kupfer oder Paraffinöl.

Genetische Methoden nutzen

Für viele Acker-, Wein- und Gemüsekulturen existieren inzwischen aber Sorten, die resistent gegen Krankheiten sind und kaum oder keine Pestizide brauchen, um gute Erträge zu erzielen. Diese Sorten sollte man häufiger nutzen und weiterentwickeln (zum Beispiel Rebsorten, die gegen Pilze resistent sind). Ausserdem gibt es Hilfsstoffe und Nützlinge, die Pflanzen krankheitsresistenter machen oder ihr Wachstum verbessern können.

Daneben stehen neue genetische Methoden wie CRISPR-Cas zur Verfügung, um krankheitsresistente Sorten zu entwickeln. Auch sie sollten in Betracht gezogen werden, da sie helfen könnten, den Pestizid-Einsatz zu reduzieren. Der Anbau von Sorten, die mit Hilfe dieser neuen Methoden gezüchtet wurden, ist im Moment allerdings verboten.

Konsumentinnen und Konsumenten entscheiden

Entscheidend ist dabei, ob Konsumentinnen und Konsumenten bereit sind, solche neuen Produkte zu kaufen und auch einen höheren Preis dafür zu bezahlen. Wenn die Nachfrage da ist, davon bin ich überzeugt, wird die Mehrheit der Schweizer Landwirtinnen und Landwirte ohne oder mit massiv weniger Pestiziden produzieren. Die finanziellen Konsequenzen für die Landwirtschaft und die Bevölkerung wurden im Abstimmungstext der beiden Initiativen leider nicht klar ausgewiesen. Die lange Anpassungsperiode bis zu deren Umsetzung wäre dagegen eine Stärke gewesen. Dies hätte der Forschung die Möglichkeit gegeben, die nötigen Alternativen zum Pestizideinsatz noch vertiefter zu untersuchen.

Beim Dünger sparen

Beim Dünger sieht die Sache etwas anders aus. Ohne Dünger gibt es weniger Ertrag. Aber auch hier liesse sich sparen. Im Gemüsebau gibt es Bauern, die pro Hektare über 500 Kilogramm Stickstoffdünger ausbringen. Studien zeigen, dass die Pflanzen jedoch nur die Hälfte davon aufnehmen können. Die andere Hälfte landet im Grundwasser und in den Gewässern.

Die übermässige Verwendung von Dünger ist zum Teil ebenfalls eine direkte Folge des niedrigen Preises. Eine Stickstoffsteuer, welche die Umweltkosten miteinbezieht, könnte auch hier den Verbrauch senken.

Weniger Fleisch essen

Weiter sollte man die intensive Tierproduktion reduzieren. Die Tiere werden teilweise mit importiertem Futter (vor allem Soja) ernährt. Die Produktion von einem Kilogramm Fleisch beeinträchtigt die Umwelt etwa 25-mal mehr als die pflanzliche Produktion der gleichen Nährstoffmenge. Die Tierhaltung trägt überdies zur Klimaerwärmung bei.

Das heisst nicht, dass wir nicht ab und zu eine Wurst oder ein Schnitzel geniessen dürfen. Aber schon ein oder zwei Tage pro Woche ohne Fleisch würde sich positiv auf die Umwelt und das Klima auswirken, und wäre erst noch besser für unsere Gesundheit und das Portemonnaie.

Mit diesen einfachen Massnahmen könnten wir zu einer viel umweltfreundlicheren Landwirtschaft gelangen. Was wir hingegen nicht tun sollten, ist die landwirtschaftliche Produktion in der Schweiz zu reduzieren. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass es wichtig ist, die Versorgungssicherheit so hoch wie möglich zu halten. Hierzulande leben 8,5 Millionen Menschen – und die wollen alle etwas zu essen.


Marcel van der Heijden ist Professor für Agrarökologie an der Universität Zürich und Forschungsgruppenleiter bei Agroscope, dem Kompetenzzentrum für landwirtschaftliche Forschung des Bundes. Zudem gehört er dem Kuratorium des Forums Biodiversität der SCNAT an.

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